Organspende & Widerspruch:  Aktuelle Gesetzlage, Widerspruchlösungen und FAQ

Täglich sterben in Deutschland drei Menschen, da zu wenig Spenderorgane zur Verfügung stehen. Wieso das so ist, wie die Gesetzeslage zum Thema Transplantationen aussieht und wie Sie selbst zum Spender werden, oder eine Organspende ablehnen können, erfahren Sie hier.

Organspende: Wer spendet heute?


In Deutschland gilt für Organspenden die Entscheidungslösung: Nur wer zu Lebzeiten durch einen Organspendeausweis oder eine Patientenverfügung seine Einwilligung erteilt, kommt für eine Organspende infrage. Gibt es keine solche Erklärung, werden die Angehörigen des Verstorbenen zu dessen mutmaßlichen Willen befragt.

Wer kann Organe spenden?

Um Organe zu spenden, muss, mit Ausnahme der Lebendorganspende, zunächst der unumkehrbare Ausfall aller Hirnfunktionen (Hirntod) des Spenders festgestellt werden. Das heißt, die Gesamtfunktion des Groß- und Kleinhirns sowie des Hirnstamms sind unwiderruflich erloschen, das Herz-Kreislauf-System wird jedoch künstlich am Leben erhalten. Meist kommt jedoch der Herzstillstand dem Hirntod zuvor, was eine Spende unmöglich macht.

Aktuelle Zahlen zur Organspende in Deutschland

Die Diskrepanz zwischen Organspendern und Patienten auf Organspende-Wartelisten ist groß. 2017 wurden laut des Jahresberichtes der „Deutschen Stiftung Organtransplantation“ 2.765 Organe transplantiert, 2012 waren es noch 3.706. Hingegen warteten circa 10.000 Personen auf eine Organspende.

Und das, obwohl die Bereitschaft zur Spende in Deutschland sehr hoch ist: Eine repräsentative Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2018 ergab, dass 81 Prozent der Deutschen eine Organspende befürworten, jedoch hatten nur 32 Prozent der Befragten bereits einen Organspendeausweis.

Welches Gesetz ist geplant?


Sollte grundsätzlich jeder Deutsche Organspender sein, wenn er nicht zu Lebzeiten ausdrücklich der Organspende widersprochen hat? Könnte ein Ersatz der Entscheidungslösung durch eine Widerspruchslösung das Problem der mangelnden Organspender aus dem Weg räumen? 2018 stieß Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zu eben dieser Frage eine erste Orientierungsdebatte an und erhielt regen Zuspruch. Zusammen mit dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach erarbeitete er einen Gesetzesentwurf.

Die wesentlichen Punkte des Entwurfs:

  • Ausführliche Information aller Personen ab 18 Jahren und die automatische Spender-Registrierung dieser
  • Gegen die Registrierung als Organspender darf jede Person Widerspruch einlegen
  • Dieser muss in einem bundesweiten Organspende Widerspruchsregister dokumentiert werden
  • Den Eintrag können die Betroffenen jederzeit erstellen, ändern oder löschen

Gegenstimmen führen vor allem ethische und juristische Bedenken an. Ein Gesetz nach dem Motto „wer nicht widerspricht, ist verpflichtet“ stehe in keinerlei Einklang mit der deutschen Gesetzgebung.

Die Widerspruchslösung: Organspende aktiv ablehnen


Das Gesetz der Widerspruchslösung zur Organspende könnte ein Ansatz zur Besserung der Lage sein. Mit ihr müssen Bürger aktiv der Organspende widersprechen, tun sie dies nicht, gelten sie automatisch als Spender.

Eine solche Regelung gibt es in anderen Ländern bereits. Die Statistiken geben Spahns Entwurf recht: Nach der Einführung einer Widerspruchslösung haben sich die Spender um 20 bis 30 Prozent erhöht (British Medical Journal: Rithalia et al, 2009).

Was passiert mit meinen Organen ohne Widerspruch?

Sollte Spahns Entwurf es in die Gesetzgebung schaffen, müssen Sie eine Organspende aktiv ablehnen. Tun Sie dies nicht, sollen im Fall des Hirntodes zunächst die näheren Angehörigen durch den Arzt nach Ihren Wünschen befragt werden müssen. Lehnen auch diese nicht ab, stehen Ihre Organe der Spende zur Verfügung.

Dazu müssen zunächst zwei qualifizierte Ärzte den Hirntod feststellen. Anschließend werden Ihre Organe auf eventuelle Infektionen und Dysfunktionen geprüft, die eine Spende ausschließen könnten. Kommen Ihre Organe für eine Spende infrage, wird die Warteliste geprüft und der nächste Patient ausfindig gemacht.

Widerspruch zur Organspende: Was Sie tun müssen

Kommt es zum Gesetz und Sie wollen sich dann gegen eine Organentnahme nach Hirntod aussprechen, müssen Sie sich in einem bundesweiten Register eintragen. Diesen Eintrag soll man jederzeit löschen oder ändern können. Außerdem können Sie Ihren Widerspruch zur Organspende auf bestimmte Organe beschränken. Im Übrigen können Sie Ihren Widerspruch auch jetzt schon dokumentieren: Am einfachsten ist es in einer Patientenverfügung, der Organspende zu widersprechen oder Ihren Widerspruch auf bestimmte Organe zu beschränken.

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Der sichere Weg: Angaben zur Organspende in Patientenverfügung

Egal, wie die zukünftige Regelung um die Organspende aussehen wird, auch jetzt ist der sicherste Weg, Ihre Wünsche zu dokumentieren, eine Patientenverfügung. Eine solche Verfügung wird auch nach der eventuellen Einführung der Widerspruchslösung ihre Gültigkeit behalten, auch wenn zum Beispiel im Organspende-Register kein Widerspruch hinterlegt ist.

In einer Patientenverfügung können Sie detailliert jede Situation beschreiben, in der Sie einer Organspende widersprechen oder zustimmen – sowohl auf Ihren Gesundheitszustand bezogen als auch auf Sonderwünsche hinsichtlich einzelner Organe. Haben Sie zum Beispiel aus ethischen oder anderen Gründen Probleme mit der Spende Ihres Herzens, können Sie explizit die Spende dieses Organs ablehnen, während Sie hingegen der Entnahme Ihrer Nieren zustimmen.

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Pro & Contra: Was spricht für und gegen die geplante Regelung?


Jens Spahns Gesetzesentwurf erntet nicht nur Zuspruch, auch die kritischen Stimmen zur Widerspruchs-Pflicht bei Organspende werden laut. Kritisiert wird vor allem der tiefe Eingriff in das Recht der Selbstbestimmung. Eine Spende setze die Freiwilligkeit voraus. Somit dürfe eine Enthaltung nicht automatisch als Zustimmung gewertet werden.

Vielmehr sollte zunächst die Organspende-Organisation in Krankenhäusern und die Sensibilisierung in der ärztlichen und pflegerischen Ausbildung angegangen werden. Außerdem sei es ratsam, das Vertrauen der Bevölkerung hinsichtlich Organspende zu stärken, bevor sich einer Veränderung hinsichtlich der Zustimmung oder des Widerspruchs bei Organspende gewidmet wird. Eine Auflistung der Pro- und Contra-Argumente zur Widerspruchslösung bei Organspende finden Sie hier:

Argumente für die Widerspruchslösung:

  • Erhoffte Steigerung der Organspender um 20 bis 30 Prozent
  • Schnellere Handhabung in Krankenhäusern im Fall des Hirntodes
  • Stärkere Präsenz des Themas im Bewusstsein der Bevölkerung
  • Kein Zwang zur Organspende

Argumente gegen die Widerspruchslösung:

  • Die Widerspruchslösung zur Organspende sei verfassungswidrig. Denn sie sei ein tiefer Eingriff in das Recht auf Selbstbestimmung, da Schweigen hier automatisch Zustimmung bedeutet.
  • Widersprüchliche Aussagen möglich
  • Andere Maßnahmen (Organisation in Krankenhäusern und bei der Pflege) sind wichtiger

FAQ zu Organspende:

Mit dem zweiten Gesetz zur Änderung des Transplantationsgesetzes, das am 1. April 2019 in Kraft trat, wurde zunächst die Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende angegangen. Die wesentlichen Neuerungen sind:

  • Mehr Zeit und Befugnisse für Transplantationsbeauftragte
  • Höhere Vergütung von Krankenhäusern
  • Empfänger können Angehörigen in einem anonymisierten Schreiben danken

Eine Entscheidung hinsichtlich der Widerspruchslösung bei Organspende wird in 2019 erwartet.

Umfragen zufolge ist die Einstellung der Deutschen zur Organspende grundsätzlich positiv, trotzdem besitzt nur ein Bruchteil einen Organspendeausweis. Dies liegt, Experten und Politikern zufolge, vor allem an der unzureichenden Informationslage der Bevölkerung. Die Deutschen setzten sich nicht ausreichend mit der Problematik auseinander. Da die Organspende aktuell einer aktiven Zustimmung bedarf, sei die Hemmschwelle höher.

Außerdem sei das Vertrauen der Bevölkerung aufgrund des bundesweiten Transplantations-Skandals von 2011 geschwächt. Damals gab es mutmaßlich Verstöße einzelner Transplantationszentren, um die Wahrscheinlichkeit der Organ-Vergabe an Patienten des eigenen Zentrums zu erhöhen.

Die Widerspruchslösung, so wie sie Jens Spahn vorsieht, gilt bereits in folgenden Ländern:

  • Bulgarien
  • Frankreich
  • Irland
  • Italien
  • Lettland
  • Liechtenstein
  • Luxemburg
  • Österreich
  • Polen
  • Portugal
  • Slowakei
  • Slowenien
  • Spanien
  • Tschechien
  • Türkei
  • Ungarn
  • Zypern

In anderen Ländern haben Angehörige nach dem Hirntod eines Patienten die Möglichkeit, einer Organspende zu widersprechen, sollte keine Aussage des Patienten dazu vorliegen. Die Widerspruchsregelung mit Einspruchsrecht der Angehörigen gilt in Belgien, Estland, Finnland, Litauen und Norwegen.

Die doppelte Widerspruchslösung ist ein Gesetzesentwurfs von Jens Spahn. Sie soll sicherstellen, dass niemand gegen den Willen zum Organspender wird. Die Widerspruchslösung besteht darin, dass jeder volljährige Bürger Deutschlands automatisch zum Organspender wird, lehnt er diese nicht aktiv ab. Dennoch müssen Ärzte im Fall des Hirntodes des Patienten vor der Entnahme von Organen zunächst die Angehörigen nach den Wünschen des Verstorbenen befragen, um sicher zu gehen, dass kein Widerspruch vorliegt.